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ein letzter Ort
from Urbane Behausung 2008/07/09 21:40

Nach Otranto , dem letzten - oder, wie man’s nimmt, dem ersten - Posten der Kultur, verdünnt sich die Strasse. Otranto, das wer noch einmal die ganze Welt. Die Saga ihrer Schöpfung und ihrer Geschöpfe, ihrer Geschichte und ihrer Geschichten, des Raunen der Märchen, der Mythen, die Bilder des Wissens in Form eines grandiosen, murmelnden Mosaiks, welches den Boden er Basilica dell’Annunziata vollständig bedeckt. 12. Jahrhundert, die Welt der Geister und der Taten, der Mensch.

Dann folgt die Küstenstrasse gleich einer Höhenkurve dem Saum des Meeres. Kahl ist alles geworden, nur das Wasser dort unten und hier dieser steinige Steilhang. Kaum ein Baum. Das Asphaltband schmal, zum Kreuzen der wenigen Fahrzeuge gilt es anzuhalten. Man sieht das Wasser gegen die Felsen schlagen, man hört nichts, die Autofenster bleiben geschlossen. Es ist Winter geworden.

Am Morgen des 28.Juli 1480 erschien hier eine gewaltige Flotte am Horizont. Es waren 150 Schiffe mit 18000 Mann Besatzung. Am 29. Juli begannen Türken mit der Belagerung der Stadt, besetzten die ersten Häuser. Otranto wehrte sich. Am 11. August erreichten dir Angreifer über dir zerstörten Mauern und Befestigungen die innere Stadt. Sie drangen in die Kathedrale ein und metzelten Erzbischof Stefano Agricoli mit den Seinen nieder, der sie, den Tod vor Augen, im Gebet und im Glauben zusammen hielt. Am Tag darauf wurden 800 Otranter, die sich weigerten zum Islam überzutreten, auf dem Minervahügel hingerichtet. Am 10. September 1481 mussten sich die Türken dem Ansturm der Truppen des Alfons von Aragon ergeben und wurden verjagt. Sie hinterliessen einen Schutthaufen und dreihundert Überlebende, dreihundert von ehemals sechstausend Christen. Das war einmal, und, nein, das kommt nicht wieder.

Es sind nur fünfzig Kilometer von Otranto nach Marina di Leuca, aber sie erscheinen endlos. Die Karte gaukelt eine Küstenstrasse vor, die es so nicht gibt: nicht so breit, nicht so bequem, nicht so gestreckt. Am Kap ein Sommerdorf, Villeggiatura, das jetzt vorwiegend aus geschlossenen, toten Häusern besteht. Eine Bar hat offen. Am äussersten Punkt der Leuchtturm. Capo S. Maria di Leuca ist der südöstlichste Punkt des Stiefels.

Es ist immer ein merkwürdiges Gefühl, an einem solchen Ort zu stehen. Du wartest auf eine Eingebung, einen Einfall, der dem Ort angemessen wäre, aber es tut sich nichts. Eine steil abfallende Geröllhalde, auf dem Fels auftreffend, der vom Wasser umspült ist. Du starrst auf die Fläche des Meers, suchst den Horizont. Je älter man wird, desto weniger weiss man, wo man hinschaut.

In dem struppigen Gebüsch wehen Plastikreste. Ausgetretene Pfade im steilen Hang. Kaum Menschen; einige klettern auf den Felsen, schauen aufs Meer.

Zusammenfluss von Adria und Ionischem Meer, das weiss man, das ist nicht zu sehen. Schon gar nicht auf den Fotos, die man hier macht, Fotos gegen das bessere Wissen, dass auf ihnen das Entscheidende nicht zu sein wird.

Flüchtlinge, Schlepper, Verschleppte kommen hier keine an. Die landen weiter oben, nördlich von Otranto, und sie kommen, von Süden, in den Golf von Taranto. Keine Schiffe zerschellen. Keiner bricht von hier auf.

Man steht und starrt. Man ist deswegen bis hier herunter gefahren. Jetzt steht man und sieht nichts. Kleine flackernde Lichter auf Schaumkronen. Man weiss, in genau östlicher Richtung, hundert Kilometer, und man ist in Korfu. Griechenland, wieder eine andere Welt - im Süden Afrika. Du stellst dir vor, wie ein Strom von Müll von Venedig herunter kommt. Hat er die Meerenge hier durchquert, schwimmer er nach Süden, nach Osten, dem Müllstrom entgegen, der von dort herkommt. Bei Alexander kriecht der Müll an Land, den Nil hinauf, bis gegen Kairo. Oder nach Bengasi, Tripolis, Tunis. Was uns verbindet, ist der Müll, das schwimmende Band unseres Abfalls. Die verzweigten, die zuverlässigen Strassen aus schaukelndem Plastik. Das, was nach uns bleibt, und was wir hinterlassen.

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Dieter Bachmann, geb. 1940, Dr. phil., studierte Germanistik und Philosophie, Redaktor der Weltwoche, Reportagen für das Tages Anzeiger Magazin, 1988-1998 Chefredaktor des «du», 2000_2003 Direktor des Istituto Svizzero in Rom, seither freier Schriftsteller. Lebt in Umbrien und in Zürich. Als Roman zuletzt «Grimsels Zeit»(Berlin Verlag), als Herausgeber «Im ganzen Land schön. Die Schweiz mit der Tageskarte»(Limmat Verlag).